Auch im Herbst habe ich meine Freunde wieder besucht. Wie Sie auf der Landkarte sehen können, liegt Kasanlak ziemlich genau mitten im Land. Vom Sonnenstrand aus fährt man mit dem Bus ca. 3,5 bis 4 Stunden. Ich bin allerdings nach Stara Zagora gefahren, wie es auch abgesprochen war. Dort holten mich meine Freunde vom Busbahnhof ab und wir fuhren weiter bis nach Kasanlak, das sind ca. 30 Km.
Das hatte folgenden Grund: Es handelt sich um zwei befreundete Familien, und die eine wohnt halt in Stara Zagora,die andere in Kasanlak.Und da ich im Juni in Stara Zagora zu Besuch gewesen bin, machte jetzt die andere Familie ihre Rechte geltend. Und wir waren alle die ganze Zeit zusammen, tagsüber auf Tour, abends in Kasanlak, auch nachts. Beide Familien haben Schlafgelegenheiten für eine ganze Menge Leute.
Natürlich gab es zünftige bulgarische Speisen und Getränke, das war ja klar.
v.l.n.r.: Bojedar, Marianna, Radka und Stefan
Jetzt bin ich dabei
Am Abend kamen noch Pencho (links) und Stefans Tochter Antoinetta
Und Rosen nicht zu vergessen!
Durst hatten wir jedenfalls alle!
Unsere Ausflüge hatten alle mit der bulgarischen Geschichte zu tun, deswegen vorab ein paar Erläuterungen:
Bulgarien gehörte von 1396 bis 1878 als Provinz zum osmanischen Reich, es hatte seine Eigenständigkeit für fast 500 Jahre verloren. Natürlich gab es immer wieder Aufstände, die aber alle ohne Erfolg blieben, vor allem auch, weil sie lokal begrenzt und mehr spontan als organisiert erfolgten. Seit etwa 1760 kann man vom Beginn der staatlichen bulgarischen Wiedergeburt sprechen, es wuchs langsam ein neues Selbstbewusstsein, das die staatliche Unabhängigkeit anstrebte.
Drei Namen werden den Bulgaren wohl auf ewig unvergessen bleiben: Vasil Levski, Christo Botev und Ivan Vasov. Vasil Levski (1837 - 1873) konnte die Befreiung Bulgariens nicht mehr selbst erleben, hat aber unermüdlich dafür gekämpft. Als Mönch beschließt er, seinen Beruf aufzugeben und zieht fortan durch die Lande und gründet ein Netzwerk von Revolutionskomitees, um einen organisierten flächendeckenden Aufstand vorzubereiten. Dabei wird er schließlich von den Türken ergriffen und 1873 hingerichtet.
Christo Botev (1848 - 1876) war nicht nur DER Nationaldichter Bulgariens, sondern auch Revolutionär. Wegen seiner anti-osmanischen Aktivitäten musste er nach Rumänien ins Exil gehen. Dort gab er unter anderem die Zeitungen "Wort der Bulgarischen Emigranten" und "Wecker" heraus. Zur Unterstützung des legendären Aprilaufstandes fuhr er im Mai 1876 mit einer Freischar über die Donau und betrat bulgarischen Boden. Er überschätzte allerdings das Ausmaß des Aufstandes und seine Schar wurde von den überlegenen türkischen Kräften aufgerieben. Botev fand dabei den Tod. Aufsehen erregte damals europaweit, dass er und seine Freischar den österreichisch-ungarischen Dampfer "Radetzky" kaperten und ihn als Transportmittel nach Bulgarien benutzten.
Iwan Vasov (1850 - 1921) wurde mit seinem Roman "Unter dem Joch" unsterblich. Es dürfte keinen Bulgaren geben, der von diesem Roman nicht mindestens schon gehört hat. In ihm beschreibt er Vorgeschichte, Verlauf und Scheitern des legendären Aprilaufstandes von 1876. Ebenso bekannt sind seine Novellen "Eine Bulgarin", "Großvater Jozo schaut" und "Kommt er?". Vasov nahm aktiv am Aufstand von Stara Zagora (1875) teil und bekleidete nach der Befreiung Bulgariens durch den russisch-türkischen Krieg (1877/78) hohe öffentliche Ämter.
Mein Wunsch war es, die Geburtshäuser dieser drei bulgarischen Helden zu besichtigen. Natürlich gab es noch andere bulgarische Freiheitskämpfer wie Hadschi Dimiter, Georgi Rakovski und Luben Karavelov. Aber es geht natürlich nicht alles auf einmal.
"Der, der im Kampf für die Freiheit fällt, er stirbt nicht." Dieser Satz aus Botevs Gedicht "Hadschi Dimiter" ist hier auf Botev selbst gemünzt.
"Freiheit oder Tod!"
Eine Statue Botevs neben seinem Geburtshaus in Kalofer
Botevs Mutter
Außer Botevs Geburtshaus befindet sich im Garten noch ein Museum:
Mit dieser Maschine druckte Botev im Exil seine Zeitungen
Ein Modell der Radetzky
Denkmal Botevs in Kalofer
In der Mitte im Hintergrund der höchste Berg des Balkangebirges, der "Botev" (2.376 m)
Vor dem Balkangebirge
In diesem Brief erklärt und begründert Levski seiner Mutter seinen Entschluss, Revolutionär zu werden.
Vor Levskis Geburtshaus
Levskis Waffen
Bücher Vasovs
"Unter dem Joch" auf Französisch und Deutsch
Diese Stadt ist aus zwei Gründen berühmt. Es gibt hier Befestigungsanlagen uns römischer und trakischer Zeit, ud es gibt hier das angeblich beste Mineralwasser Bulgariens. Etliche Spa-Hotels sind hier angesiedelt.
Hier kann man das Mineralwasser kostenlos zapfen. Manche machen dies kanisterweise.
Der zweite Tag führte uns über den Schipkapass in das Museumsdorf Bojenzi und in die Stadt Trjavna mit ihrer malerischen Altstadt.
Der Schipkapass spielte eine entscheidende Rolle im russisch-türkischen Krieg. Eine Zeitlang verteidigten nur etwa 5.000 Russen und Bulgaren den Pass gegen ca. 30.000 Türken. Wegen Munitionsmangels konnten sie zeitweise nur mit Steinen und Leichenteilen auf die Türken "feuern". Jedes Jahr wird auf diesem Pass der Nationalfeiertag der bulgarischen Befreiung, der 3. März, gefeiert.
Auffahrt zum Denkmal
Dank an die russischen Soldaten und an Zar Alexander II.
Nach getaner Arbeit...
Dann fuhren wir weiter in das Museumsdorf Bojenzi. Hier besichtigten wir die Häuser aus der Wiedergeburtszeit.
In einem Restaurant in Bojenzi
Die Sagengestalt Baba Jaga
Zum Abschluss unseres Ausflugen fuhren wir nach Trjavna und besichtigten dort die malerische Altstadt mit ihren Häusern aus der Wiedergeburtszeit.
Nach einem weiteren netten Abend bei meinen Freunden bin ich am nächsten Morgen mit dem Bus zum Sonnenstrand gefahren. Dort ging der "normale" Urlaub weiter.